2 Eine sexuelle Ode an das Bloggen

Disclaimer: Dieser Artikel entstand aus akuter Vermissung. Man möge bitte nachsichtig mit emotionalen Ausbrüchen und halbleeren Verbesserungsfloskeln sein.




What's new, kangaroo?!

Es sind tatsächlich mehrere Monate vergangen, seit hier zuletzt geschimpft wurde, und weil in der Zwischenzeit vieles passiert ist (unter anderem eine Jahreswende), möchte ich doch zuallererst und zur Abwechslung ein paar nette Worte und etwas Glitzer in die Runde werfen. Also: Euch allen ein wunderbares neues Jahr, auf dass ihr alle gesund und glücklich und erfolgreich werdet - oder bleibt. 
Mir geht es wider meiner plötzlichen Blogabstinenz gut, den Katzen auch, und es fühlt sich (wider meiner plötzlichen Blogabstinenz) erstaunlich gut an, mal wieder kräftig mit den Mittelfingern in die Tastatur zu hauen. Nix mit Zehnfingersystem und so. 

... Kennt ihr eigentlich dieses Gefühl, wenn ihr eine Freundin ganz lange nicht gesehen habt und in den ersten 15 Minuten nur verlegen mit den Füßen scharrt, weil ihr beide wisst, dass sich in den letzten 15 Monaten niemand von euch bei der anderen gemeldet habt und ihr trotzdem ganz viel Spaß hattet, keinen Gedanken an Bestie verloren habt und euch genau deshalb - so auf Konfrontation - jetzt irgendwie doch ein schlechtes Gewissen umschleicht? Ich und der Blog gerade so #mood.  

Hier stehen wir nun, und ich denke darüber nach, ob ich euch nun eine eloquente Bloggen-Pro-Kontra-Liste, eine romantische Aufzählung von 10 Dingen, die mich in den letzten Wochen an den Blog erinnert haben, oder einfach ein wild zusammengeschriebenes Plädoyer über die wohltuenden Freiheiten des Bloggens gegenüber der seriösen und durch und durch durchplanten redaktionellen Schreiberei vorlegen soll. Während ich so überlege, merke ich, dass es wohl auf Letzteres hinausläuft, dass meine Finger wirklich unkontrolliert über die Tasten fliegen und dass meine Gedanken, die mich in den letzten Monaten gefühlt zu einem Wasserkopf wachsen ließen, sich - ein bisschen wie Erbrochenes - in einem wohltuenden Schwall auf diesem klinisch leuchtenden weißen Textfeld entleeren. Jep, Bloggen war nie sexueller. Hach!

Über die Sinnhaftigkeit des Pläsiers


Zweifellos: Es gibt wenige Dinge, die mich so erfüllen, wie das Schreiben #sokitschigdasseseinenhashtagbraucht #situationsauflockerungdurchhashtags. All die Ideen, die ich im Alltag nicht in Worte zu fassen vermag, all die Schimpfwörter, die ich nicht äußern kann, weil mir sonst universitäre Ächtung droht, all die Themen, die in der Bar für Die-schon-wieder-Augenrollen sorgen, kann ich hier ungeniert abladen. Und irgendwer liest es, und manchmal erzählt mir das jemand, und dann ist das wirklich vollkommen super.

Aber dann gibt es auch diese Momente, in denen das Amüsement aufmüpfig wird und mehr fordert. Dann will es statt dem kleinen Finger nicht nur die Hand dazu, sondern den ganzen Arm und das Schultergelenk gleich mit. Dann sagt das Pläsierchen: Ey du Opfer, du bloggst seit fünf Jahren und hast dich nicht in Carrie Bradshaw verwandelt. Oder: Willst du deine verbloggte Zeit nichtmal in richtige Artikel investieren? Oder: Na du Pfeife? Ein liebloser Post pro Woche?! Was diese? 
Und weil das halt irgendwann tatsächlich nervt und das Ding dann auch keinen Spaß mehr macht, liegt das freche Blogtier im Ernstfall vier ungeachtet Monate rum. Karma is a bitch und sowas kommt halt von sowas. 

Im Ernst: Eine Entscheidung, die ihr kurz zur Kenntnis nehmen könnt, um dann weiter euren täglichen Vorhaben nachzugehen, wird es vorerst nicht geben. Emotional denke ich dazu so, wie oben beschrieben. Pragmatisch eher so: Bloggen ist superspaßig. Weil das Leben aber kein Rebecca-Black-Song ist und abgesehen von Fashion-, Tech-, Reise- oder Foodbloggern aber eben auch nicht mehr als Spaß dabei rumkommt (bleiben wir mal realistisch - ich kann meinen Blog auch nach fünf Jahren noch keiner Sparte zuordnen), ist es den damit verbundenen Stress aber irgendwann nicht mehr richtig wert. 

Ich hab mir vorgenommen, dieses Jahr neue Projekte anzugehen und den Blog erstmal nur anzurühren, wenn ich wirklich Bock auf Blog hab. Eine wöchentliche Wutkolumne gibt es daher vorerst nicht. Infos über Neues, die gibt's aber. Auf meiner Facebookseite zum Beispiel - und wenn ihr superkrass nette Menschen seid, die ich sehr liebe (oder die mich sehr ausgiebig stalken), sicher auch privat. *Drops the Mic.*


2 Mythos Erfolg: Ich schufte, also bin ich



Nothing worth having comes easy. Don't stop when you're tired - stop when you're done. Do one thing every day that scares you. 
Googelt man nach Motivationssprüchen, schiessen einem an Disziplin und Ordnung appellierende Sätze wie aus einem Maschinengewehr entgegen. Steh auf. Bleib oben. Richte deine Krone. Gib ja nicht auf. Keine Schwäche vortäuschen, ey! Und dafür muss man eigentlich noch nicht einmal aktiv nach motivierenden Weisheiten aus dem Internet suchen. Auch in Sozialen Medien, im Whatsapp-Status der Bekannten und auf dem Graffito im Kiez steht der imaginäre Drill Instructor und verteilt ungefragt Befehle zum erfolgreicheren Leben, denn: Sieger zweifeln nicht. Zweifler siegen nicht. 

Und so trägt es sich wieder einmal zu, dass virtuelle Weisheiten (oder: Scheissheiten), die wir im besten Fall nur kurz mit dem Daumen streifen oder antippen, das Leben zumeist besser beschreiben, als es uns lieb ist. Leistungsgesellschaft, schreiben dazu die seriösen Wochenzeitschriften, nachdem ihnen zuvor ein Psychologe von hibbeligen Kindern und vom Leistungsdruck geplagten Jugendlichen im Interview erzählt hat. Karrieregeil, nennen es hippe Berliner Online-Magazine (und fordern im gleichen Atemzug BewerberInnen unter 25 mit mindestens 5 Jahren Berufserfahrung und einem Hochschulabschluss). Und ich? Ich frage mich, ob ich mir statt der neuen Folge meiner Lieblingsserie nicht doch lieber ein Buch über medienwissenschaftliche Theorien reinziehen sollte. 

Keine Frage: Erfolge sind eine gute Sache, weil sie das Ego streicheln und das Gefühl vermitteln, man sei echt krass drauf und könne die Welt beherrschen - zumindest mehr oder weniger. Der Psychologe Albert Bandura bezeichnete die gesteigerte Selbstwirksamkeitserwartung als Glücksgefühl über das Gelingen subjektiver Aktionen im Hinblick auf ein zuvor gesetztes Ziel. Hat man eine höhere Erfolgsrate, steigt entsprechend die Selbstwirksamkeitserwartung und die erfolgsverwöhnte Person setzt sich immer höhere und anspruchsvollere Ziele. Heraus kommt wahrscheinlich eine Art Übermensch, der Scheisse in Gold verwandeln und seiner Mutter mit 25 ein neues Auto schenken kann. In der Psychologie ist es demnach keine seltene Annahme, dass Selbstwirksamkeit und damit verbundene Erfolge zu den natürlichen Bedürfnissen des Menschen gehören. 
                                                                    stop the glorification of busy mythos erfolg

Was ist das für 1 Druck? Stop the glorification of busy


Was aber ist, wenn der Erfolg nicht einsetzt? Oder schlimmer noch: Wenn da nun einer daherkommt, der überhaupt nicht erfolgreich sein möchte? Was ist das für 1 Mensch? 
Eine neue Bewegung fordert nun stellvertretend für all diese Menschen und jene, die aus anderen Gründen durch das Raster des erfolgreichen U30ers fallen: Hört auf mit der Kacke. Stop the glorification of busy. Macht Dinge, die euch glücklich machen. 
Während sich Erfolge primär durch das Erlangen von Geld, Ruhm und Macht auszeichnen und Erfolgsgetriebene im Hinblick auf das Erreichen derselben so ziemlich jede Faser ihres Körpers und ihres Geistes ausreizen, visiert die kritische Auseinandersetzung mit Floskeln und Hashtags à la #busylife und "Whatsup?" - "Ich bin so gestresst OMG!" eine neue Sensibilität für die eigene Gesundheit an. 

Und versichert: Pausen sind ok. Digital Detox ist ok. Schlafen ist ok. Seelenwellness auch. Wer sich selbst nichts gönnt, knickt irgendwann ein. Dauerhaftes zielgerichtetes Arbeiten unter Druck kann für einige zum persönlichen Glück beitragen. Andere werden krank, verspüren Missgunst gegenüber erfolgreicheren Genossen und Genossinnen und sind generell unzufrieden und schlecht drauf. Gestresst, und zwar im uncoolen Sinne. Am Ende bleibt die Frage, wofür wir uns ständig die Erfolgsstraße hochprügeln. Wer ist eigentlich dieser Erfolg, und wer hat ihn so definiert, wie ich ihn aktuell für mich wahrnehme? Lasse ich mich von einem Instagram-Posting unter Druck setzen oder zeige ich den Motivationscoaches (von denen übrigens auch nicht mehr bekannt ist als eine gute Social Media PR) beide Mittelfinger, höre auf meine eigenen Wünsche und Ziele und bin trotzdem eine badass bitch? 

Spoilerwarnung: Es gibt keinen Preis für die schnellste Bezwingung der Karriereleiter. Und mit euren 100.000 Freelancer-Jobs könnt ihr bei euren späteren Uni-Vorträgen höchstens die Naiven unter den Erstsemestlern beeindrucken. Die Wege zum Erfolg sind divers. Umso wichtiger, ihnen persönliches Glück voranzustellen. 

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