Mensch sein: Home Street Home

Als meine KommilitionInnen und ich im Winter unser Abschlussprojekt über Obdachlosigkeit starteten,  war die Begeisterung erstmal gigantisch. Bei uns allen. Und allen, denen wir von unserem Vorhaben erzählten. Lebensgeschichten der Obdachlosen, und alle so Yeah. Man könnte denken: Menschen interessieren sich für andere Menschen.

obdachlos Hase Obdachlosen helfen Penner nerven Penner stinken menschlich sein helfen unterstützen spenden

Obdachlosigkeit, und alle so: Wo ist mein Smartphone?


In der Realität sieht der Umgang mit Obdachlosen dann irgendwie weniger utopisch aus. Der stinkende Penner steigt in die Bahn, alle verziehen angeekelt das Gesicht und werfen sich aufgeblasene Blicke zu. Die italienisch sprechende Bettlerin versucht, ihre Straßenzeitung an die Fahrgäste zu bringen, und alle schauen gespielt betreten auf ihre Gelnägel, Sneakers und Smartphones.
Wenn du Geld brauchst, dann musst du dir eine Arbeit suchen. Und bestimmt bist du selber Schuld an deiner Situation. Und sowieso: Penner.

Tatsächlich sind die Menschen auf der Straße nur so halb verantwortlich für ihr unglamouröses Schlafquartier. Nur so halb klingt natürlich erstmal scheisse. In unseren Interviews mit den Obdachlosen wurde aber mehr oder weniger schnell deutlich, dass manche Menschen eben fast prädestiniert waren, für die Rolle des Gesellschaftsarsches am Arsch der Gesellschaft. Früh alkoholkrank, von der alkoholkranken Mutter vor die Tür gesetzt, den Boden unter den Füßen verloren.  Die Firma verloren, den Hund verloren, die Frau verloren, den Überblick über das eigene Leben verloren. Vom Gefängnis auf die Straße, von der Klapse auf die Straße, vom Kinderzimmer auf die Straße.
Und irgendwann besteht dein Leben nur noch aus Alkohol, Kleingeld und dem täglichen Kampf ums Überleben. Fast alle befragten Obdachlosen haben schon mal richtig eins auf die Nase bekommen. Meistens im Schlaf. Und meistens von Halbstarken, Halbkindern und anderen unmenschlichen Menschen.

Menschlichkeit Obdachlosigkeit Respekt vor Obdachlosen Graffiti Mensch sein obdachlos sein

"Penner" sind auch nur Menschen


Das alles ist für uns aber normal, egal oder eben einfach nicht zu ändern. Letzteres ist es wahrscheinlich tatsächlich - weil auch Obdachlose eben halb verantwortlich für ihr Schicksal sind, Alkohol- und Drogenmissbrauch den Teufelskreis ein bisschen weiter ziehen und der Staat offiziell auch auf begrenzten Möglichkeiten sitzen bleibt. In Berlin kommen auf 11.000 Obdachlose zum Beispiel nur 500 Schlafplätze in Notunterkünften, und Öffnungszeiten der Freizeitangebote werden einfach mal so gekürzt.
Warum schwingt sie aber jetzt die Moralkeule, wenn sie selber nichts ändert? Auch nach dem Abschlussprojekt bringe ich meinen neuen obdachlosen Kumpels nach dem Wocheneinkauf eine Kleinigkeit mit. Oder reagiere auf die Frage nach Kleingeld zumindest mit einem Lächeln und einer freundlichen Antwort. Weil der Penner auf der Straße eben auch ein Mensch ist - wie ich und du und deine Mutter. Und wir diesem Menschen mit ein bisschen Menschlichkeit zeigen können, dass sein Schicksal zwar durch uns allein nicht zu ändern - aber immerhin nicht egal ist.

Kommentare:

  1. Irgendwo hatte ich mal eine Reportage gesehen, wo der Reporter für einen Tag/Nacht in die Rolle eines Obdachlosen geschlüpft ist. Das hat mich echt berührt. Die Menschen haben ihm nicht mal in die Augen geguckt. Man könnte ja meinen, dass das wenigstens dazu gehört. Menschlicher Respekt eben, aber nein, sie haben ihn behandelt, als wäre er Luft und das war für ihn verständlicherweise richtig richtig schlimm.

    AntwortenLöschen
  2. Es geht auch anders. In Dortmund hat einige Zeit ein Obdachloser in einem Strandkorb, mitten in der City genächtigt. Morgens konnte man beobachten, wie ihm Passanten Brötchen und Kaffee besorgten und ihn damit, fast liebevoll, weckten. Ich fand es rührend.

    Ein anderer junger Obdachloser, der einige Zeit vor einem Geschäft in der City saß, wo er Bücher las, wurde von diversen Menschen vermisst, als er nicht mehr dort war. In einer facebook-Gruppe konnte man lesen, dass ihn viele sehr sympatisch fanden und sich Gedanken über ihn machten. Ihm ging es aber wohl gut, wie eine Bekannte von ihm berichtete.

    AntwortenLöschen
  3. Es gibt viele Menschen die da draußen auf Hilfe angewiesen sind und da sind nichtmal immer nur Alkohol- oder Drogenkranke betroffen, sondern auch vielerlei Menschen die irgendwann eine Entscheidung getroffen hatten, die ihnen förmlich das Genick gebrochen haben. Und da draußen gibt es tatsächlich Menschen, die sich kümmern: https://www.facebook.com/groups/286352151488757/ ist hierbei nur ein Beispiel von vielen.

    Was mich stört ist dieses Übermaß momentan an Heuchlern, die einem das Gefühl geben in einer Notsituation zu sein obwohl es wohl ganz offensichtlich Tricks sind. Wie beispielsweise 2 Jungs am Bahnhof um die restliche Kohle für ihre Fahrkarte in ganz feiner Klamotte bitten. Nachdem man ihnen aber die restliche Kohle gegeben hat trotzdem die danach auftauchenden Passanten auch um die selbe Summe bitten.

    Oder diese Mädchen, die durch die Gegend laufen und auf Taubstumm machen um eine Geldspende von dir zu kassieren usw. usf. Die ganzen Betrüger lassen einen einfach abstumpfen bezüglich der Menschen, die tatsächlich drauf angewiesen sind. Natürlich könnte man nun auch sagen: gib einfach allen, dennoch fördert man dadurch die dubiosen Machenschaften, da man damit dafür sorgt, dass es sich hierbei um ein erfolgreiches Business handelt. Von den Müttern die ihren Babies in den Hintern kneifen, damit dieses länger und lauter Schreit ganz zu schweigen.

    AntwortenLöschen
  4. dankeschön für deine Worte :) ♥
    Falls du Interesse hast, lasse ich dir mal meinen Katzenblog hier: http://derwahnsinnaufvierpfoten.blogspot.de :)

    Ich habe Obdachlosen damals auch gerne mal etwas Kleingeld gegeben. Allerdings kam dann diese Welle in den Medien auf, dass sich sogar Geschäftsleute als Obdachlose "verkleiden" um noch mehr Geld zu scheffeln. Man weiß einfach nie, ob es ein wirklich Obdachloser ist oder nicht. Und die 2. Problematik war dann "Wohin fließt das Geld" - Drogen und Alkohol wollte ich damit nicht unterstützen. In Strasbourg gehen die Menschen sogar etwas weiter und laufen mitten auf der Straße von Autotür zu Autotür um nach Geld zu fragen. Aber auch hier wird oftmals auch an Parkplätzen von Einkaufsmärkten gebettelt.

    Ich stelle mir das Leben auf der Straße sehr hart vor. Ehrlich gesagt würde ich wahrscheinlich keinen Winter draußen überleben. Keine Heizung, keine Toilette, keine Dusche oder Badewanne, keine Waschmaschine, kein Internet... Mir fallen unzählige Dinge auf, auf die man wirklich dankbar sein kann, denn viele Menschen haben sowas nicht und das ist traurig :(

    Nur frage ich mich ab und an, warum Obdachlose nicht zum Amt gehen und um Hilfe bitten. Normalerweise hätten sie doch Anspruch auf Sozialhilfe?

    Grüsse ♥

    AntwortenLöschen
  5. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen

Ich bedanke mich für euer Feedback und freue mich sehr herzlich über allerlei Nettigkeiten und Kritiken. Wer beleidigt, ist doof, und wer "Gegenseitiges Verfolgen" Anfragen verschickt auch ein bisschen.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...