(Kein) Mut zum Zicken: Ich bin eine von den Netten.

Kennt ihr diese Frauen, die sich beim Friseur über den hoffnungslos versemmelten Pony beschweren, im Büro den Praktikanten anmeckern und an der Kasse aus Prinzip niemanden vorlassen? So eine Frau bin ich nicht - im Gegenteil. Ich bedanke mich für den schlechten Haarschnitt und weine zuhause, lächle Ärger weg und vermeide Konfrontationen mit Vordränglern - sie werden schon ihre Gründe haben, Inkontinenz oder einen juckenden Fußpilz zum Beispiel. Zum Glück bin ich nicht die einzige, die sich auf das schlechte Karma anderer Menschen verlässt.



Vor einigen Wochen entdeckte ich in einer Frauenzeitschrift beim Friseur (ja, dem, den ich nicht auf meine Unzufriedenheit aufmerksam mache) eine Kolumne von einer Journalistin, die, ganz ähnlich wie ich, keinen Mut zum öffentlichen Rumzicken hatte. Logische Konsequenz für den spaßigen Artikel: Ein Selbsttest, in dem die Dame 7 Tage lang alle möglichen Mitmenschen anzickte und am Ende kläglich an ihrem schlechten Gewissen scheiterte. Story of my life - man könnte sagen, manch eine(r) wäre einfach zum ewigen Nett Sein geboren. 

Dabei klingt Nett Sein an sich auch gar nicht nach einer Bestrafung. Und eigentlich habe ich mich ja selber dafür entschieden, dem vorlauten Arsch in der Bahn lieber eine hochgezogene Augenbraue statt einem Schwall an vulgären Vulgaritäten entgegenzuwerfen (im echten Leben sage ich nur halb so oft Deine Mutter! wie auf dem Blog). Und in vielen Fällen bin ich so überrascht über die Dummheit der Menschen, dass mir erstmal nichts dazu einfällt. Also, Memo an mich selbst: Lass dich von der Dummheit der Menschen nicht überraschen. Leider und offensichtlich ist zuviel Freundlichkeit in der Arschloch-Gesellschaft ein Zeichen für Schwäche, Geduld ein stiller Aufruf, diese zu strapazieren und ein nettes Gesicht immer der Kürzere beim Bürgersteig-Duell ums Nicht-Ausweichen-Müssen. Und leider rege ich mich in vielen Fällen mehr über mich selbst auf, als um die dreiste alte Dame, die sich am Parkautomaten galant vordrängelt. Andererseits - nach den meisten meiner seltenen Wutausbrüche fühle ich mich hinterher wie der Grinch, der Weihnachten gestohlen hat, und würde gerne mit Schokopralinen und Taschentüchern um mich werfen. 

Biste nett, biste ein Opfer - biste nicht nett, biste eine Zicke. 


Ob es wohl strategisch schlau ist, mich jetzt als eine von den Netten zu outen? Ob Nett Sein womöglich weniger "schlimm" wäre, wenn das Leben nicht in Strategien und Machtkämpfen gelebt werden würde? Die fellow unzickige Journalistin sah den Ursprung des Problems jedenfalls unter anderem in der ungleichen Erziehung von Jungs und Mädels (Fuck yeah, Feminismus!): Während körperliche Kämpfe um die schönste Schaufel bei Jungen zugelassen werden, geben Eltern ihren Töchtern von früh auf ein Prügel dich nicht! mit auf den Weg. Und wenn Frauen dann doch ihren Willen durchsetzen, sind sie die bossy Bürobitch, die Zicke aus der 6. Etage oder einfach sexuell frustriert und undurchgenudelt - um es mal mit den Worten des Bahnarschs zu sagen.



Meine eigene Nettigkeit heute anderen vorzuwerfen, halte ich für nicht verantwortungsbewusst. Ich bin nett, und das ist (meistens) auch gut so - weil es nun mal so ist und weil ich meinen freundlichen Impulsen intuitiv nachgehe. (#yolo?) Sich nachher über die Engelsgeduld aufregen? Darüber nachdenken, ob die maulende Kassiererin einen für schwach hält? Für nicht durchsetzungsfähig? Been there, done that. Am Ende kenne ich mich selbst am besten - und für Schlammcatchen mit fremden Menschen über Belanglosigkeiten habe ich an vielen Tagen einfach keine Zeit und Lust. Hier ist die Medaille für deinen Tagessieg, und ich ziehe mir jetzt meine Lieblingsserie rein. 
Zeit, sich selber zu tolerieren? Jep, Freunde. Und zwar innen UND aussen. Ich meine, wann haben wir eigentlich begonnen, unsere Cellulite zu akzeptieren, und unseren Charakter nicht? Denkt mal darüber nach. 

Kommentare:

  1. :-D :-D :-D

    Als mir in der Vergangenheit bei einem Mitarbeiter-Coaching (ich war damals in einem größeren Unternehmen beschäftigt) gesagt wurde, dass ich vieles oftmals "weglächeln" als auf den Tisch hauen würde und dadurch meine Kompetenz leidet, bin ich erstmal in Tränen ausgebrochen. :-D

    Andererseits denke ich mir, lieber so, als mit nem schlechten Gewissen (und scheiß Karma) durch die Welt zu laufen, auch WENN einiges sicher einfacher wäre, wenn ich öfter mal den Mund aufmachen würde. ;-)
    Es gab Mitarbeiter in meiner ehemaligen Firma, die jeden Tag pünktlich um 17 Uhr Feierabend gemacht haben, während ich Überstunden schob und trotzdem angeschnauzt wurde, wenn ich (mit schlechtem Gewissen) EINMAL früher gegangen bin. ^^
    Ich glaub Menschen, die etwas mit einer Selbstverständlichkeit tun oder "dreister" durchs Leben gehen, wird nicht so schnell etwas angekreidet, wie jemandem, der sich über das "einmal früher gehen" Gedanken macht.

    Ich schließe aber auch gerne mal von mir auf andere und kann dann nicht verstehen, warum der/diejenige ich so verhält, weil ICH das ja nicht tun würde. ^^

    Beispiel: Eine Kollegin nahm mich mit dem Auto mit und ich fragte sie danach, was sie von mir bekommt und dass ich nur nen Fünfer da habe, welchen sie ohne zu zögern einkassierte.

    Diese Kollegin nahm ich ein anderes Mal ebenfalls mit, weil Ihr Auto in der Werkstatt war.
    Mal davon abgesehen, dass ich dafür eh kein Geld genommen hätte... aber sie fragte mich nicht mal, ob ich was dafür haben möchte. :-P

    Ich glaube irgendwie zu sehr an das Gute im Menschen. ;-) Aber siehst ja, selbst Gutmensch wird mittlerweile als Schimpfwort missbraucht. ;-)

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    1. Ich kann dem nichts mehr hinzufügen. Ehrlich, du beschreibst GENAU DAS, was ich mir beim Schreiben dachte. Ich bin echt oft einfach zu perplex, um schnell Loszumeckern. Und nachher ärger ich mich. Resultiert aber trotzdem auch im Weglächeln. Hach, du verstehst mich! #teamgutmensch

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  2. Ist Twitter nicht so eine Plattform, auf der das große Meckern und Zicken sehr toleriert und sogar zelebriert wird? Früher habe ich mich über ganz viele Dinge aufgeregt. Inzwischen ist mir so gut wie alles egal... Also Empathie bzw. Verständnis wäre da wohl der Euphemismus :D wenn Leute sich lauthals in der Öffentlichkeit über Leute, die im Weg stehen, beschweren oder über Fahrradfahrer in der S-bahn, ist mir das furchtbar unangenehm.

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    1. Ich habe das Gefühl, das ganze Internet zelebriere Rumgemeckere auf hohem Niveau. Im Ernst, ein Großteil meiner Posts beinhaltet Dinge, über die ich mich irgendwie humorvoll aufrege. Und früher habe ich Twitter tatsächlich nur benutzt, wenn irgendein Mensch mich aufgeregt hat. In der Bahn über Kinder und Fahrradfahrer herziehen, find ich aber auch doof und unnötig (es sei denn, es ist kurz vor Weihnachten, da kann sogar ich ohne schlechtes Gewissen streiten). Gehört das irgendwie zur Berliner Kultur? Fällt mir gerade so auf. In jedem Fall schwankt das bei mir immer so zwischen "Mir egal" und "bitte kein Streit in der Öffentlichkeit". Und in seltenen Fällen "Oh, war mein Kommentar dazu jetzt zu unfreundlich?". Herrje, ich finde mich selber kompliziert. Wie geht man nochmal mit Menschen um?

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Ich bedanke mich für euer Feedback und freue mich sehr herzlich über allerlei Nettigkeiten und Kritiken. Wer beleidigt, ist doof, und wer "Gegenseitiges Verfolgen" Anfragen verschickt auch ein bisschen.

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