Berlin: Was ist eigentlich mit diesem LaGeSo?

Mitternacht, Mittwochabend, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz LaGeSo, in Berlin. Es ist ein milder Abend, dafür, dass wir uns schon um Ende November herum bewegen. Trotzdem tummeln sich in der Turmstraße vor dem Amt schon wieder zahlreiche Menschen, eingepfercht in Absperrgitter, die Körper und Gesichter in Jacken und Decken gehüllt, Teebecher in der linken, Zigaretten in der rechten Hand. Sie warten. Warten, bis sie um 4 Uhr das LaGeSo-Gelände betreten und sich in die nächste Warteschlange eingliedern können. Warten, bis sie einen Termin bekommen, um die Registrierung vorzunehmen, Sozialleistungen einzufordern oder eine Kostenübernahme für ihre Unterkünfte zu erhalten. Warten, dass sich etwas ändert, dass sie ihr Leben nach der Flucht irgendwie wieder selbst in die Hand nehmen können. Warten, Nacht für Nacht. NACHT für NACHT. DRAUSSEN. IN DER KÄLTE. 

Es gibt hier keine Toiletten - und wenn es die ehrenamtlichen Initiativen, Vereine und Gruppierungen nicht gäbe, gäbe es hier auch keinen Tee, keine Suppe und auch keine warme Kleidung aus der Spendenkammer. Für die Frauen und Kinder wird nachts eins der vier Zelte geöffnet - damit sie sich wärmen können, Schlaf finden, Handys aufladen, ihr Existenzminimum irgendwie abdecken können. Die anderen drei Zelte - sie sind durchgehend beheizt und belichtet - bleiben an diesem Abend leer. In Spiegel- und ZDF-Reportagen waren sie auch nachts stets gut besucht. Aber wer weiss schon, nach welchen "Anordnungen" der Sicherheitsdienst handelt. Warum man die Männer aus der Wartereihe nicht in den Zelten unterbringen könne, frage ich. Schulterzucken bei den anderen HelferInnen: Das ist scheinbar eine gute Frage. Eine Schlüsselfrage. Eine Frage, die allen im Kopf herumschwirrt.
Drei Wärmebusse wurden den wartenden Menschen vor dem LaGeSo vor kurzem zur Verfügung gestellt. Wohlhabende Privatpersonen, oder so. Immerhin bieten sie einen warmen Schlafplatz für etwa 200 Leute - Männer, Frauen, Kinder, Kranke, Alte. Zur Ruhe kommt man hier trotzdem nie wirklich. 

Jemand stellt sich neben mich, als ich etwas verloren auf dem Bürgersteig stehe. Ob ich rauche, will ein junger Mann, M., wissen und dreht mir eine Zigarette. Ich denke unweigerlich an die vielen primitiven Facebook-Kommentare, die ich in den letzten Wochen gelesen habe: Man wolle nicht mit "Flüchtlingen" teilen, man habe ja selber nichts. Die Mieten sind teuer, die Arbeitsplätze knapp und jetzt kommen die und nehmen uns alles weg. M. steht da und teilt in freundlichen Gesten und inmitten seiner Prekarität mit mir seinen Tabak. Er lächelt, gibt mir die Hand und wünscht mir einen schönen Abend. Ich ihm auch und dabei komme ich mir schrecklich heuchlerisch vor, denn M. wird den Abend auf dem Bürgersteig verbringen, während ich mich bald in mein Bett legen kann. 

Bild: Facebook / Veranstaltung: Menschenunwürdige Zustände vor dem Berliner LAGeSo beenden!

Es muss etwas passieren, weil sonst nur Schlimmeres passiert. [Aufruf zur Kundgebung - 29. November]


In dem Moment entscheide ich, das Gesehene aus der Nacht vor dem LaGeSo niederzuschreiben. Es fällt mir schwer, mich nicht eines dramatischen Vokabulars zu bedienen oder meiner unendlichen Wut über diese humanitäre Katastrophe mitten in Berlin mit einem Schwall an Schimpfwörtern Ausdruck zu verleihen. Ich versuche, meine Gefühle und Gedanken selbstkritisch zu ordnen und die Fassung zu bewahren. Aber: Eigentlich sollen alle Wut spüren, über diesen institutionellen Rassismus, über die Verantwortlichen, die sich jeglicher Pflicht entziehen und tagtäglich hunderte Menschen absichtlich auf der Straße stehen lassen. Über den Sicherheitsdienst, der in den Medien mit Nazi-Parolen und Prügel-Videos auf sich aufmerksam macht und die Teile der Gesellschaft, die sich über die Flüchtlinge im Garten aufregen und noch immer Ich bin kein Rassist, aber skandieren. Aber vor allem über die Verantwortlichen, diejenigen, die die Situation ändern könnten und diejenigen, die sich für das jetzige, menschenunwürdige Handeln entschieden haben. 
  
Am Sonntag gehen wir gegen die Zustände am LaGeSo auf die Straße. 18 Uhr, Turmstraße 21. Ich würde gerne laut be there or be square rufen. Ich finde auch, dass alle, die von dieser Lage wissen und sie verurteilen, da sein sollten. Und dass wir Solidarität mit den darunter Leidenden zeigen müssen. Ob ihr letztlich dabei sein wollt, entscheidet trotzdem ihr. So. 


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