Über Köln, Frauenrechte und den deutschen Ethnozentrismus

Wenn ihr in den letzten Tagen in irgendeiner Form Medien konsumiert, euren Stammtisch besucht habt und auch sonst nicht in einem geheimnisvollen Paralleluniversum unterwegs wart, wird euch wohl kaum entgangen sein, welche Formen die Meinungen über die Silvesternacht in Köln angenommen haben. So ausgeprägte und besorgniserregende Formen nämlich, dass sogar die Lifestyle-Blogs dieser Welt, nämlich dieser hier, nicht an sich halten und darüber reden sollten. Der Diskurs, der gerade in zahlreichen Medien und Teilen der Bevölkerung verwendet wird, ist ein zunehmend rassistischer. Und eine weitere Etappe in der miesen Stimmungsmache gegen Geflüchtete, vornehmlich aus muslimisch geprägten Ländern. Salopp geschrieben (und dabei leider nicht mal erfunden oder übertrieben) lautet der neueste Slogan der Freizeit-Nazis in etwa so: Wir müssen UNSERE Frauen vor den bösen Ausländern schützen und diesen unsere Kultur der Gleichwertigkeit (unter Geschlechtern) beibringen. 

Hier könnte direkt an mehreren Punkten angesetzt werden. Weil wir die Frauen von niemandem sind. Und weil mal wieder pauschalisierte Hetze gegen die anderen betrieben wird. Aber auch, weil fälschlicherweise suggeriert wird, dass sexualisierte Gewalt ein ganz neues, wahrscheinlich sogar importiertes, Phänomen in der deutschen (oder luxemburgischen, oder österreichischen, wem der Schuh passt...) Gesellschaft sei. Bevor hier Weiteres geschrieben wird, ein wichtiger Reminder: Jegliche Form von sexualisierter Gewalt ist ein No-Go, allen Personen, denen diese Form von Gewalt angetan wurde, sollte ihr Anspruch auf Hilfe und Unterstützung zugute kommen und alle Täter*innen müssen in gleichem Maße Bestrafung für ihre Tat erfahren. (#ausnahmslos, dazu später mehr)

intersektioneller feminismus #ausnahmslos tyler feder
Bild: Tyler Feder 


Frauenrechte hier und dort: Und was ist eigentlich dieser Ethnozentrismus?



Dabei gab und gibt es immer, in jeder Kultur und jeder Ethnie, Menschen, die sexualisierte Gewalt auf andere Menschen ausgeübt haben oder ausüben. Es gibt noch keine Gleichwertigkeit der Geschlechter und es gibt dahingehend noch viele Probleme, für deren Verbesserung sich Feminist*innen seit Jahrzehnten einsetzen. Eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahre 2014 belegt, dass über die Hälfte aller Frauen in ihrem Leben ein- oder mehrmals sexuell belästigt wurden - ich inklusive. Dieselbe Erhebung ergab auch, dass über ein Drittel aller Frauen bereits sexualisierte und/oder physische Gewalt erlebte. Solche Fakten gibt es nicht erst seit Silvester. Und solche Dinge haben sich in Deutschland auch schon vor Silvester 2015 zugetragen. Trotzdem erheben sich nun, im Rahmen der schrecklichen und bedauernswerten Geschehnisse in Köln, die Stimmen (dieselben übrigens, die sich 2013 wahrscheinlich über den #aufschrei lustig gemacht haben, Frauen dazu raten, ihre Bluse zuzumachen und Feminist*innen generell gerne als Feminazis betiteln, just saying) und instrumentalisieren frauenrechtliche Forderungen für eine asyl- und ausländer*innenfeindliche Politik - und von dieser gilt es nicht nur, aber vor allem, aus feministischer Sicht, sich klar zu distanzieren. 

Das Verhalten, das im Zuge der Köln-Silvester-Diskussion an vielen Stellen an den Tag gelegt wird, lässt sich als ethnozentristisch beschreiben - auch, wenn ich mir erlaube zu sagen, dass die Werte, die soviele Rassist*innen propagieren, von jenen selbst nur semi-seriös ausgelebt werden. Ich erlaube mir an dieser Stelle auch mal, Wikipedia zu zitieren und euch die 3 Klicks fürs Recherieren zu ersparen:   
Ethnozentrismus ist ein primär psychologischer, aber auch in unterschiedlichsten sozialwissenschaftlichen und politikwissenschaftlichen Untersuchungen gebrauchter Begriff, der die Voreingenommenheit eines Individuums gegenüber fremden Gruppen bezeichnet. Das Phänomen basiert auf der Überzeugung, dass die eigenen Verhaltensmuster und die der ethnischen Gruppe, der man angehört, immer normal, natürlich, gut, schön oder wichtig sind. Vor diesem normativen Maßstab können Fremde – deren Kultur sich deutlich unterscheidet – als wild, unmenschlich, ekelhaft oder irrational bewertet werden. Man spricht daher auch von der „Selbstbezogenheit einer Gruppe“; die Merkmale der Eigengruppe werden dabei als Bewertungsgrundlage vorausgesetzt und gegenüber denen von Fremdgruppen für überlegen gehalten. Dies kann sich u.a. beziehen auf Kultur, Lebensweise, Lebensstil, Weltanschauung, Religion.   -  Wikipedia
Inmitten dieser Diskussion positionieren sich leider nicht nur die ewigen Stammtisch-Hetzer*innen von Facebook ethnozentristisch, sondern auch diverse Medien. Auch darauf möchte ich im Rahmen von #ausnahmslos später noch einmal zurück kommen (es bleibt spannend). An dieser Stelle also nur eine kleine, unkommentierte Kostprobe besonders fragwürdiger deutsch-medialer Aussagen - in der Hauptrolle:
Das Dreamteam Alice Schwarzer und BILD.de. Während sich die eine in einem "Hinweis an die selbstgerechten „Anti-Rassisten“ vom Dienst" wendet, um ihre Angst über den Verlust über "unsere eigene Sicherheit und Werte" zu äussern und nicht zuletzt, gewohnt friedliebend, am Ende das Angebot äussert, die "verrohten" jungen Männer zu "anständigen Menschen" zu machen, fährt BILD.de ganz andere heuchlerische Geschütze auf. (Aus dem Gedächtnisprotokoll:) Eine Gesellschaft, die die Hälfte seiner Bevölkerung, nämlich Frauen, diskriminiert, hat keine Zukunft. Stünde dieser Satz nicht in auf BILD.de, würde ich ihm voll und ganz zustimmen. Aber es ist ja nicht so, dass es gegen BILD eine eigene Anti-Sexismus-Kampagne gäbe.....GIRL, BYE. 

Ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt UND Rassismus #ausnahmslos


Kurze Rekapitulation: Sexualisierte Gewalt ist nicht ok. Rassismus auch nicht. Übrigens genau so wenig, wie die Instrumentalisierung und Vereinnahmung feministischer Diskurse für rassistische Dialoge. (Ich möchte über jene schimpfen, die das tun, aber dieser Artikel war bisher so schön niveauvoll - deshalb lasse ich es.) 

Für eine Distanzierung von Rassismen, aber auch für die Unterstützung von Betroffenen sexualisierter Gewalt haben sich jetzt 22 Feminist*innen (unter anderem Kübra Gümüşay und Anne Wizorek) zusammengeschlossen und die Mitschrift Ausnahmslos mit dem dazugehörigen Hashtag #ausnahmslos initiiert. Dazu gibt es 14 Forderungen, die ihr weiter unten allesamt nachlesen könnt. Und die Möglichkeit, die Aktion zu teilen und Mitzeichner*in und/oder Unterstützer*in zu werden. Und euch im Sinne der Frauen- und Menschenrechte, solidarisch mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu machen - und zwar nicht nur, wenn diese von den anderen ausgeht. 














Kommentare:

  1. Super Beitrag. Habe letztens erst über mein Bachelorthema gebrainstormt und kam zu dem Entschluss, dass ich über das Thema, das du angesprochen hast, schreiben möchte.

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    1. Oh, Bachelor, bald darfst du Rosen verteilen! Obwohl, angesichts der Köln-Sache und allen Aktionen, die sie mit sich gezogen hat, sollte ich vielleicht nicht übers Rosenverteilen reden. Welches Thema meinst du denn jetzt eigentlich genau? Ethnozentrismus oder die Köln-Berichterstattung? Oder Köln selbst? Oder Frauenrechte?

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  2. sehr guter Artikel, danke dafür!
    mein Onkel war selber auf der Domplatte und meinte dann auch einen "Ich bin kein Nazi, aber.." Facebookpost zu verfassen, ich konnte nur den Kopf schütteln..
    ich werd mir #ausnahmslos auf jeden Fall mal angucken! klingt ziemlich cool!

    LG Katrin

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Ich bedanke mich für euer Feedback und freue mich sehr herzlich über allerlei Nettigkeiten und Kritiken. Wer beleidigt, ist doof, und wer "Gegenseitiges Verfolgen" Anfragen verschickt auch ein bisschen.

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