Wie ich einmal ein Zeitungsabo getestet habe und trotzdem dümmer wurde.

Gute Nachricht für alle, die gerne Tageszeitungen lesen: Viele Verlage bieten gratis Probeabos an, und manche haben nicht einmal im Kleingedruckten einen Haken und enden nach dem Probezeitraum automatisch. So auch das Testabo der Jungen Welt, einer linken Tageszeitung aus der Berliner Mudderstadt, das ich drei Wochen lang testen und für mein Leservergnügen beanspruchen durfte. Na toll, jetzt hängt sie sich mit ihrer gratis Zeitung an uns, wie die armen Minijobbler von der Süddeutschen morgens vor unserer Uni-Cafeteria, denkt ihr. Weit gefehlt, ihr kleinen Miesmuscheln. Ich möchte euch heute nur erzählen, wie ich mal wieder versucht habe, erwachsen zu sein - wobei natürlich nur Erwachsene morgens mit der Tageszeitung am Kaffeetisch sitzen. Spoileralarm: Zeitungen machen (meistens) nicht dümmer. Ich habe mein Abo aber trotzdem nicht verlängert. Hail Internet!

print oder online nachrichten zeitungssterben probeabo sleaze magazin
Noch so ein lesenswertes Magazin


Projekt Printmedien retten: Ich und die Druckerschwärze


Wie war das eigentlich, als die Nachrichten nicht immer auf Abruf für mich bereit lagen? Kann ich auch ohne Online-News informiert sein? Und wie roch nochmal Zeitungspapier?

Die folgende Geschichte setzt offensichtlich da an, wo irgendeine Redaktion in Berlin-Mitte den Entschluss fasste, Zeitungen wie Fuffies durch den Club zu schmeissen und neue Leser und Leserinnen an Land zu ziehen. Und wie das mit der vielversprechenden Ankündigung Für umsonst so ist, gab es natürlich den ein oder anderen Abnehmer - unter anderem mich. Es ist ja nicht so, dass ich mich immer auf free stuff schmeissen würde, wie die Muttis montagmorgens auf die Gartenmöbel im Angebot beim Discounter. Aber das Angebot eignete sich dann doch beinahe perfekt für den Selbsttest mit eventuellem Ausblick auf ein Fazit, das das dystopische Zeitungssterben, das meine Dozenten in den letzten drei Jahren beständig heraufbeschwört haben, widerlegen sollte. Ich wollte drei Wochen lang Nachrichten auf einem Blatt Papier lesen - und um den Überraschungseffekt zu erhalten, in derselben Zeit völlig auf andere Quellen der Informationsmedien verzichten. Keine Online-News, keine Tagesschau, kein Radio. Ha! Und junge Menschen lesen doch noch was anderes, als Hashtags auf Instagram!

Wer nicht liest, bleibt dumm, oder so.


Natürlich landete irgendwann die erste Zeitung im Briefkasten. Montag. Und ich las. Irgendwas mit der konservativen Regierung in der Türkei. Eine Kolumne über Fahrradsattel. Eine Rezension eines kritischen Comics über Kolonialismus und Zombies. Und ich fühlte mich ganz und gar nicht gelangweilt, während ich so eine Stunde in meiner Zeitung blätterte und las. Aber am zweiten Tag meines selbstorganisierten Mini-Lesezirkels musste eben auch wieder diese Stunde her. Am dritten übrigens auch. Und dann war da noch dieser neurotische Zwang, alle Artikel lesen zu müssen (#sonstkannstdusjagleichlassen! und #augenverschließenmachtdichauchnichtschlauer!)! 
Jedenfalls klingt es - jetzt so beim Schreiben - mehr wie eine richtig einfallslose Ausrede, als eine tatsächliche Erklärung, wenn ich mein Experiment aus Zeitmangel bereits nach zwei Tagen nur noch halb durchführen konnte. Halb, weil ich die zweite Auflage, nämlich auch sonst keine Nachrichten zu konsumieren, fast bis zum bitteren Ende gewissenhaft durchführte. So kam es schließlich auch, dass ich nach 14 Tagen nicht wie eine krasse Erwachsene mit einem Zeitungspaket voller kreisrunder Kaffeeflecken unterm Arm, mit einem messy bun und einer intellektuellen Lesebrille auf dem Kopf durch die Straßen lief, sondern wie eine uninformierte Person Smalltalks noch schlechter als sonst über mich brachte ("voll lustig, dieser Tortenangriff auf die afd." - "ah, hm, was?").

junge welt probeabo mio mio mate fuck afd
Erwachsene trinken Kaffee, Hipster trinken Mate. Und für die, die den Artikel nicht lesen wollen: Zeitung lesen macht natürlich in den meisten Fällen nicht dumm. 


Epic Fail: Wenn du schlau werden willst und am Ende dümmer bist als vorher. Wenn du das Zeitungssterben widerlegen willst und dich in Wirklichkeit nach dem Internet sehnst. Wenn du realisierst, dass du dein Leseerlebnis auf Reisen, Einschlafrituale und heiße Sommernachmittage reduziert hast.
Ich habe seit der ersten Zeitung tatsächlich keine Ausgabe mehr vollständig gelesen. Entschiedener als zuvor beschreibe ich mich als Zugehörige der Digital Natives. Ich greife nach dem Aufwachen noch immer als Erstes nach dem Handy und lese online Nachrichten, und meine Kinder müssen mich wahrscheinlich nicht bemitleiden, weil ich morgens im Bademantel raus muss, um mit zittrigen Händen die Zeitung aus dem Briefkastenschlitz zu friemeln, können aber andererseits auch nicht täglich die aktuellen Todesanzeigen aus dem kleinen Ort checken (Welch schreckliche Kinder würden sowas auch tun?! Meine, wenn sie nach ihrer Mutter kämen.). Die Junge Welt lese ich übrigens tatsächlich weiterhin regelmäßig - wenn auch nur virtuell. Ich bin jetzt also wieder klug und über das Weltgeschehen informiert. Was mit den ganzen ungelesenen Zeitungen passiert ist? Die wurden in unserer Kinderbetreuung zu schicken Hüten weiterverarbeitet. 

Kommentare:

  1. Hahaha die Todesanzeigen ... kenn ich! Guggt Mutti auch immer durch! Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich eigentlich immer noch lieber zu Printmedien greife, aber mir in den letzten Monaten dafür echt die Zeit fehlt! Schaffs nichtmal mehr ein gutes Buch zu lesen, was ich auch oft mehr als traurig find. Hat man die Zeit und die Möglichkeit da mal was neues zu testen ist es natürlich umso enttäuschender wenn da nix bei rumkommt. Dafür hab ichs jetzt durch den Beitrag aber endlich mal auf Sleaze geschafft und bin begeistert von diesen genialen Ostereiern!!!!! Mega!!! So und da mich Ascol scheinbar schwer vermisst werd ich guggn, dass ich spätestens im Mai wieder vorbeischau. War auf jeden Fall sau gut, dass es schon wieder geklappt hat bei uns. Freut mich echt jedes Mal wieder aufs Neue :-)

    AntwortenLöschen
  2. Ein wirklch toller Beitrag. Also ich muss gestehen, dass ich keine Tageszeitungen lese, bei mir passiert das auch einfach alles online. Natürlich ist es doof, dass dadurch die Zeitungen vielleicht aussterben, einfach weil sie so ein wichtiges Kulturgut sind, aber die Online Seiten sind einfach schneller und können uns viel zeitnahmer über die Neuigkeiten informieren. Das können Zeitungen einfach nicht und da ich nun niemand bin, der groß den Kulturteil oder die Kritiken in diesen liest, macht so ein Abo für mich keinen Sinn. Ich würde wenn dann nur die Nachrichten lesen und die bekomme ich online über die Tagesschau einfach viel schneller präsentiert.

    Übrigens finde ich deinen Blog super, somit bleibe ich gleich als Leserin hier ;).

    AntwortenLöschen

Ich bedanke mich für euer Feedback und freue mich sehr herzlich über allerlei Nettigkeiten und Kritiken. Wer beleidigt, ist doof, und wer "Gegenseitiges Verfolgen" Anfragen verschickt auch ein bisschen.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...