Entweder - oder: Wie du die richtigen Entscheidungen triffst - oder auch nicht.

Bist du mehr so der organisatorische Typ oder doch eher kreativ?, fragt er, greift sich ins blonde Haar und stützt den Lockenkopf auf seiner linken Hand ab. Erwartungsvoll wartet er auf meine Antwort: Na? Ich erinnere mich an das Bewerbungsgespräch, als hätte ich mich erst gestern über die Frage aufgeregt. 

- Also, ich kann beides ganz gut.
- Du musst dich aber für eins entscheiden, du kannst nicht beides sein.
- Ja aber, wenn ich doch in beidem Spaß habe?
- Stell dir vor, du musst eine Entscheidung treffen und du darfst entweder kreativ oder organisatorisch gut sein.
- Erm. Wie wär's mit Nein?

Das habe ich natürlich nicht gesagt. Ich habe nämlich gar nichts gesagt und mich, wie so oft, erst hinterher über meine nicht vorhandene Antwortmöglichkeit geärgert. Dabei ist die Situation so bezeichnend für die Unnötigkeit der aufgezwungenen Entscheidung und die Frage nach dem Entweder/Oder so überflüssig wie die Annahme, man dürfe sich immer nur für den einen Weg entscheiden, selbst. Du kannst eben nicht alles haben, echoen die erwachsenen Stimmen seit Jahren in meinen kindlichen Ohren. Deine Mutter kann nicht alles haben, entgegne ich voller Trotz und echauffiere mich weiter über das Entscheidungsmuss. 
Und was ist, wenn ich doch alles haben kann? Oder wenigstens von allem ein bisschen? Wenn ich ein Kreativmensch und gleichzeitig auch ein Organisationstalent bin? Wenn ich ein Herz-Kopf-Bauchentscheider bin und Pommes mit Ketchup UND Mayo bestellen kann, Vegetarierin bin und manchmal eben doch Lachs-Sushi genieße, mich gesellschaftskritisch positioniere und trotzdem fast ausschließlich Socken von H&M besitze? Wer bin ich dann: Eine Unehrliche, Inkonsequente - oder gar eine Möchtegernerin? Und wenn ja, wieviele?

entscheidungen treffen tipps signs alice in wonderland illustration
Wir können das Spiel einfach nicht gewinnen. 

Seien wir doch mal ehrlich: Wir können das Spiel nicht gewinnen - zumindest kenne ich niemanden, der das in seinem gegenwärtigen Handeln und allgemein in der Gegenwart, der zeitlichen und örtlichen, tun könnte. Wenn wir auf unseren Wegen nach links und rechts ausschwenken, sind wir unseres Handelns eh nicht wert, wenn wir unseren Weg streng und kompromisslos verfolgen, zu radikal. In dem Sinne können wir also gar nicht alles haben, sondern tatsächlich von allem nur ein bisschen. Dann wird man sich aber doch wohl mal ein paar Möglichkeiten offen lassen können, ohne dafür einen ungefragten Rüffel einstecken zu müssen. 
Auf die Frage, wie sie ihr Leben auf einem Bio-Bauernhof mit ihrem Beruf in der Modewelt vereinbare, antwortete die Designerin Dorothee Schuhmacher bei einer Podiumsdiskussion am Rande der Fashion Week Anfang des Jahres: Ich finde, dass sich nichts im Leben ausschließt. Damit hat sie nicht nur Recht, sondern verdeutlicht auch, wie sehr sich uns diese gesellschaftliche Aufforderung zur Entscheidung in den Weg stellen kann. Warum sollte man auch nicht modisch interessiert sein und trotzdem Tiere, weniger privilegierte Menschen und die Umwelt in sein Handeln einbeziehen? Warum immer entweder/oder? Und, auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole und zuviele Fragen stelle: Warum nicht alles? Dass die Welt nicht aus Schwarz-Weiss-Tönen besteht, predigen wir täglich einfach denkenden Menschen in Sozialen Netzwerken. Wenn wir uns selbst andauernd dazu bewegen, ungewollt Entscheidungen zu treffen, Abstriche zu machen, kompromisslos zu agieren und ganze Themenwelten ausschalten, weil uns bisher niemand vorgemacht hat, wie wir sie miteinander kombinieren können, machen wir aber im Grunde genau das, wovon wir andere abzuhalten versuchen: Schwarz-Weiss denken. Interessen killen. Neue Möglichkeiten im Keim ersticken.

Und was ist, wenn ich mit meinem kreativ-organisatorischen Wesen nun doch eine superkrasse Bereicherung für die Redaktion des blondschopfigen Lockenmanns gewesen wäre? Wir werden es wohl nie herausfinden. 

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